Konzept Essbarer Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg

Der AK Rote Beete hatte in 2017 einen Schwerpunkt auf der Weiterentwicklung des essbaren Bezirks Friedrichshain Kreuzberg. In diesem Zusammenhang haben wir, in Zusammenarbeit mit umweltpolitisch interessierten, Imkern und anderen einen Konzeptvorschlag zur Gestaltung des öffentlichen Raumes entwickelt, den ihr hier findet. Stand des Textes ist August 2017

Unser Konzept soll Anfang und Grundlage für die Weiterentwicklung einer bezirklichen Strategie sein, die essbare Stadt Friedrichshain-Kreuzberg (oder anderer Bezirke) unter Beteiligung von lokalen Akteuren, BVV und Verwaltung endlich auf den Weg zu bringen und im Weiteren fort zu entwickeln. Im aktuellen Zustand, soll es vor allem das Gerüst liefern, mit dem der Bezirk das bereits beschlossene Ziel der Essbaren Stadt Friedrichshain Kreuzberg endlich umsetzt. Das Konzept soll, auch wenn es sich als aktueller Zwischenentwurf (Work in Progress) versteht, durch Beschluss der BVV den aktiven Startpunkt für eine Umsetzung der Essbaren Stadt markieren.

1. Warum braucht es eine "Essbare Stadt"
Essbare Stadt ist das Konzept, bei dem die in der Stadt liegenden Potenziale zur Nahrungsgewinnung genutzt werden. Es bezeichnet ein Konzept der Nutzung der städtischen Flächen zum Anbau von Nahrungsmitteln für den Gebrauch. Wie in der Stadt Andernach, die gerne als Beispiel zitiert wird, gilt hier bei den Pflanzungen im öffentlichen Raum "Pflücken erlaubt". Dabei versteht es sich fast von selbst, dass die umgesetzten Konzepte in den Zeiten des Klimawandels möglichst ökologisch und nachhaltig gestaltet sind. Es gibt viele Konzepte, bei denen man Mäuschen spielen kann, aber es gilt vor allem ein eigenes Konzept für Friedrichshain-Kreuzberg zu schaffen. Das Konzept soll verschiedene Stoßrichtungen, Orte haben und auch die Träger dieser Maßnahmen sind bunt und vielfältig wie unser Bezirk. Das Konzept nimmt den uralten Gedanken der Allmende neu auf und belebt ihn wieder. Flächen der Allgemeinheit sollen auch der Allgemeinheit zum Nutzen sein.
Die Essbare Stadt ist auch eine Notwendigkeit, die sich aus modernen Problemlagen ergibt.
Städte sind in der Vergangenheit der Fluchtort der Landbevölkerung gewesen. Die Landflucht hing und hängt ganz wesentlich mit dem Anstieg der Produktivität in allen gesellschaftlichen Bereichen zusammen, ein Produktivitätsschub, der auch die Landwirtschaft ergriff und von Grund auf umwandelte. Diese Produktivität wiederum wurde ganz wesentlich und zu großen Teilen aus der Verbrennung von kohlenstoffbasierten, in erster Linie fossilen Energieträgern generiert. Die Menschheit hat bei der Nutzung des fossilen Energieträgers allerdings übersehen, dass jedes Naturverhältnis wechselseitig ist. Der enorme Nutzen, den das System der fossilen Verfeuerung bisher mit sich brachte, wendet sich nun in einer Selbstbverbrennung gegen seine Schöpfer .
Nun sitzen wir im Jahr 2017 in dicht bevölkerten, organisierten Städten vor dem Dilemma, dass wir möglichst umfangreich auf fossile Energieträger verzichten müssen, dass das Ernährungssystem für die Versorgung dieser Städte in seiner aktuellen Form auf diese aber im großen Stil angewiesen ist. Ein Weg, dieses Dilemma zu minimieren, ist die Minimierung von Transportwegen. Das Konzept der Essbaren Stadt bietet somit einen Baustein bei der Rekommunalisierung der Nahrungsmittelproduktion, also bei der Annäherung der Primärproduktion an die Konsumenten. Daneben ist ein solches Konzept auch das einer Bewusstseinmachung der Nahrungsmittelproduktion in seiner regionalen, saisonalen Beschränkung, in die Notwendigkeit der Anpassung an die örtlichen Bedingungen.
Die Konzepte bieten darüber hinaus die Möglichkeiten, regional angepasste Gemüse und Obstsorten anzubauen und für die Zukunft zu sichern, die im Rahmen der Konzentration auf global und industriell vermarktbare Produkte derzeit von Vernichtung betroffen sind.
Essbare Stadt ist aber mehr als Klima- bzw. Umweltschutz. Das Konzept der Essbaren Stadt bietet auch die Chance, sich die Stadt anzueignen und als Bevölkerung praktisch und kreativ im Stadtraum zu wirken und dieses Wirken als eine kollektive Aktion für alle im Sinne einer am Gemeinwohl orientierten Tätigkeit auszuüben. Im Rahmen von Gemeinschaftsgärten bzw. gemeinschaftlicher Bearbeitung der Gärten kann, gerade in Gebieten mit ärmerer bzw. kulturell gemischter Bevölkerung, ein solches Konzept auch ein Mittel der gegenseitigen Integration von Nachbarschaften sein, vorausgesetzt, die Maßnahmen werden entsprechend nachbarschaftlich organisiert. Es bietet, wie
die Schrebergärten, ein lebensnahes Feld, selbständig tätig zu werden und einen eigenen Beitrag für kostengünstige und gesunde Lebensmittel zu leisten.
Es handelt sich beim folgenden Konzept der Essbaren Stadt vor allem um eine Zieldefinition. Voraussetzung für die Umsetzung eines solchen Projektes ist der politische Wille der bezirklichen Entscheidungsträger (BVV, z.T. Senat), die Aktivität der Verwaltung (Bauamt, Gartenbauamt etc.) und die aktive Beteiligung der Bevölkerung. Wichtig für die Umsetzung ist, dass ein Programm für die Essbare Stadt im Rahmen von sich bietenden Optionen kontinuierlich entwickelt und schrittweise umgesetzt wird. Das Konzept ist die Aufforderung an die politischen Akteure, sich im Bezirk gemeinsam auf den Weg zu machen, den Bezirk nachhaltig weiter zu entwickeln.
2. Zielgruppen
Prinzipiell sollen die Maßnahmen der Essbaren Stadt möglichst der gesamten Bevölkerung und den Besuchern der Stadt zur Verfügung stehen. Ein wesentlicher Anteil sollte die saisonale, freie Verfügbarkeit der Naturprodukte sein und die Möglichkeit, diese zu nutzen. Dabei gilt das Primat des persönlichen Bedarfs, d.h. die Produkte sind für jeden zur eigenen, persönlichen Verwendung nutzbar. Die Produkte, die im Rahmen einer Allmendeverwaltung (Orte und Pflanzen die jeder/jedem zur Verfügung stehen) erzeugt werden, sollen der Vermarktung entzogen sein. Das Konzept der essbaren Stadt kann neben dieser allgemeinwohlorientierten Ausrichtung aber durchaus durch weitere Komponenten ergänzt werden. Also durch Anbau von Essen, das nur Einzelpersonen bzw. beschränkten Nutzergruppen (z.B. Schrebergärten, Hausgemeinschaftsgärten, Schulgärten) zur Verfügung steht.
Auch ist es denkbar und wünschenswert, sollte sich das Konzept etablieren, in einem nächsten Schritt auch Gewerbemodelle mit in das Konzept einzubinden bzw. die ökonomischen Konzepte (Stadtzentrierte Nahrungsmittelwirtschaft) parallel mit in ein lokales Ernährungssystem zu integrieren.
In die Konzepte der Essbaren Stadt sind auch Tiere, insbesondere Insekten als Nutzergruppen mit zu denken. So sollen die Maßnahmen Insekten und Tieren möglichst umfängliche Nahrung und Lebensräume bieten - z.B. als Bienenweide aber auch als geschützte Lebensorte für boden- brütende Vögel, wo dies möglich ist.
3. Orte für die Essbare Stadt
Faktisch kann eine Essbare Stadt den gesamten Stadtraum nutzen, insofern dieser Pflanzen aufnehmen kann.
öffentlicher Raum
· - Flächen in Parkanlagen
· - Pflanzkübel im Strassenland
· - Baumscheiben
· - Brachflächen / ungenutzte Liegenschaftflächen
· - Schulgelände, Verwaltungsbauten, Spielplätze
· - Friedhöfe
· - Sportanlagen
· - Strassenflächen (Hochbeete)
· - Fassaden / Dächer öffentlicher Gebäude
...
private Flächen
- Vorgärten
- Hofflächen
- Fassaden / Dächer
- Vereinsgelände
- Gewerbeflächen mit verbindlichen Auflagen
...
4 Träger der Essbaren Stadt
· - Verwaltungen, Grünflächenamt, Hochbauamt, Bildungseinrichtungen
 - Einzelpersonen
· - Gruppen
· z.B. Nachbarschaftsinitiativen im Rahmen von Rahmenvereinbarungen
· Vereine, z.B. auch Sportvereine bei den von Ihnen genutzten Flächen
· Vereine/ Institutionen im Umfeld des urban gardening / Umweltverbände
· Universitäten / Gartenbauakademien / Volkshochschulen als Agrar-Wissensvermittler
· Gastronomie / Unternehmen im Rahmen von Verträgen zur Umfeldpflege.
An vielen Stellen der Stadt ist es denkbar, dass vor Ort verankerte Institutionen Teile der Aufgaben, die im Rahmen des Konzeptes erwachsen, umsetzen. Dies können zum Beispiel Schulen (im Rahmen von "Grün macht Schule", Altersheime, Kitas etc. sein, die im Rahmen von Nutzungsvereinbarungen Flächen zu den verschiedenen Nutzungsformen erhalten.
Weiterhin erscheint es sinnvoll im Laufe des Prozesses der Konzeptentwicklung aus den lokalen Akteuren und Interessierten einen Verein (z.B. "Essbares Friedrichshain-Kreuzberg e.V.") zu gründen, der ähnlich wie ein Partnerschaftsverein als Scharnier zwischen Stadtgesellschaft und Bezirk agiert und den gesamten Prozess koordiniert. Dies kann gegebenenfalls auch durch bereits aktive Akteure koordinierend erfolgen, sollte aber generell seitens des Bezirks entsprechend gefördert werden.
Generell sollten auch Privatgelände mit ihren Eigentümern oder Nutzern konzeptionell einbezogen und motiviert werden, sich im Rahmen eines Konzeptes an Maßnahmen zu beteiligen.
Besonders einfach lassen sich
Auch Bildungseinrichtungen (Schulen, Kitas, Unis u.a.) gehören möglichst angesprochen und einzubeziehen:
· Nutzung von Qualifizierungsmöglichkeiten im Rahmen der SGB-Maßnahmen
· Vermittlung von Kenntnissen an Jugendliche und Kinder im Rahmen der Schultätigkeiten
· Vermittlung von Praxiskentnissen z.B. Permakulturen, Fruchtwechsel, Sortenkunde, Baum-/Strauchschnitt an Volkshochschulen und Beratungsstellen / Grünflächenamt
· Einbindung von Universitäten und Gartenbauschulen bezüglich Umsetzung und Weiterentwicklung
5. Maßnahmen
Die Maßnahmen der Essbaren Stadt können vielfältig sein. Die hier folgende Auflistung hat vor allem den Charakter einer Ideensammlung, die weiter ausgebaut werden kann. Es kommt hier auch darauf an, im Rahmen eines Best Practice Austauschs besonders gute Wege zu markieren und mehrfach umzusetzen. Die genannten Ideen sind z.T. gemeinsam mit Praktikern und Akteuren entwickelt worden.
- Aufbau von Kooperationen/ Konsultationen mit Bezirken wie Cha-Wi und Pankow, bei denen bereits Modelle/ Steuerungsgruppen bestehen
- Pflanzung von Beerensträuchern in Parks und Anlagen (Schutz vorhandener Anpflanzungen vor unsachgemäßen Schnittmaßnahmen durch unqualifizierte Vertragsfirmen, die mit Grünflächenpflege beauftragt sind)
- Kräuterbeete werden angelegt, v.a. als Hochbeete, Kräuterschnecken, etc.
- Anlegung von Hochbeeten an geeigneten Stellen auch als Zwischennutzung
- Entwicklung von Musterverträgen für Anwohner
- Schaffung einer entsprechenden Koordinierungsstelle in der lokalen Verwaltung.
- Entwicklung von Leuchtturmprojekten gemeinsam mit Akteuren wie Schulen etc.
- Entwicklung einer Informationsbroschüre für den Bezirk
- Brachen systematisch gestalten - ggf. mit Interrimsverträgen bei voraussehbaren, aber länger andauernden Planungen
- Freiflächenkataster, Interaktive Karte für die Markierung nutzbarer Flächen.
- Aktive Beteiligung der Bezirkspolitiker an einzelnen Projekten
- bezirklicher Steuerungsverein
- Personalstelle oder soziale Stadt Mittel (Träger einbinden)?
Steuerungsrunde im Bezirk uwAusschuss, uwVerbände, Akteure, soziale Stadt.
- Rahmenbedingungen seitens des Grünflächenamtes formulieren an Freiwillige (z.B. Verträge für Baumscheibennutzung, Aufstellen der entsprechenden Rechte und Pflichten)
- Aufbau einer unterstützenden Infrastruktur für die Freiwilligen/Bürgerbeteiligung:
- Kompost/ Humus Standortnah entwickeln und verteilen bzw verfügbar machen
- Bewässerungssysteme für Freiwillige bereits stellen (Standrohre oder ähnliches)
- städtische Pflanzungen schrittweise an den möglichen Stellen umbauen.
- jede neu anzulegende Grünfläche nach den Kriterien "Essbare Stadt" planen
- es ist anzustreben, für jede Fläche Zuständigkeiten bezüglich Betreuung zu vereinbaren. Bei öffentlichen Flächen sind die Grünflächenämter aber nicht aus der Verantwortung zu entlassen.
6. Pflanzen
Strassennahe Flächen, die für die Bepflanzung zum menschlichen Verzehr nicht geeignet sind, sollen tendenziell mit Insektenweide bepflanzt werden.
Ziergehölze sollen bei Bedarf durch standortkompatible Nutzgehölze ersetzt werden.
Umdenken von Obstbäumen und Obstgehölzen zu gesamter Palette der Nutzpflanzen, d.h. auch zu Gemüsepflanzungen.
Die Vielfalt von lokal angepassten, vergessenen Nutzpflanzensorten soll gesteigert weren.
Die Gartenbauämter unterstützen/koordinieren die Erstellung von Pflanzenlisten, die lokal angepasst sind und das Konzept stützen.
7. Partner
Die Kooperation mit verwandten Verbänden, wie dem BUND, der Grünen Liga, dem Nabu etc. und mit lokalen Akteuren wie den Prinzessinnengärten ist zu suchen. Auch Organisationen wie mundraub.org sind einzubinden, bieten sie doch bereits jetzt Hilfestellungen, die für die Ausgestaltung des Projektes (Kartierungvon Standorten essbarer Pflanzen, etc.) hilfreich sind.
8. Problemlagen
- Ein Grundproblem ist die Frage, wie die angelegten Pflanzungen gegen Verschmutzung, Vandalismus und Beschädigung geschützt werden können. Hier gehen wir aber davon aus, dass es
hier keinen Unterschied zu herkömmlichen Anlagen gibt und dass der Integrationsgedanke solcher Konzepte auch die Identifikation mit den Flächen steigert.
- Klärung mit der BSR bezüglich des Umgangs mit öffentlichen / bürgerschaftlich gepflegten Flächen
- Das Vorhaben kann nur gelingen, wenn die Verwaltung nicht nur duldet, sondern aktiv tätig wird.
- Wie werden die Grundregeln durchgesetzt, z.B. auch Schutz / Pflege der Strassenbäume
- Finanzierung - Flächen in öffentlicher Hand sind mindestens kostenlos im Rahmen eines Nutzungs-/Pflegevertrags zur Verfügung zu stellen.
Zeitrahmen? Pilotprojekte.
9. Politische Forderungen zum Beschluss in der BVV (Die BVV möge beschließen)
 Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg richtet, eine Steuerungsstelle ein, die ausschließlich die Aufgabe hat, die Ansätze der essbaren Stadt umzusetzen und eine kontinuierliche Entwicklung eines lokalen Konzeptes auf Basis des oben stehenden Entwurfs (1-8) vorwärts zu bringen. Eine wesentliche Aufgabe der Steuerungsstelle ist die Koordinierung der öffentlichen Grünflächen und die Durchsetzung einer Ermöglichungsstrategie.
 Der Bezirk veranstaltet Frühjahr 2018 eine Zusammenkunft mit potenziellen Akteuren als konzertierte Aktion für die Koordination von Pionierprojekten und einen breiten Start von Maßnahmen in der Vegetationsperiode 2019.
 Der Bezirk stellt entsprechende Haushaltsmittel und Personalstellen ein, um die Entwicklung weiter voranzutreiben.
 Der Bezirk legt jährlich zwischen den Vegetationsperioden Rechenschaft über die erfolgten Schritte und den Stand des Konzeptes „Essbare Stadt“ ab.

Aktuell wurde das Konzept im politischen Prozess sehr gefleddert. Wir hoffen aber im Laufe der Zeit, dass wir unsere Ansätze endlich in die bezirkliche Debatte mit einbringen können.